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Invasion der Eichelhäher

Wie WALD UND HOLZ in seiner neueste Ausgabe 11/2019 schreibt, ist die Schweiz in den vergangenen Wochen von einer unüblich hohen Anzahl Eichelhäher heimgesucht worden. Eichelhäher sind keine klassischen Zugvögel. Doch seit Mitte September befinden sie sich in ganz Mitteleuropa auf Wanderung. Auch die Schweiz ist vom Vogelzug betroffen.

Eichelhäher mit Futter (Bild AdobeStock)

Normalerweise sieht man den recht grossen Vogel, der zu den Rabenvögeln gehört, allenfalls als Einzelgänger am Waldrand oder in Obstgärten. Unverwechselbar ist auch sein krächzender Ruf, der nicht nur Artgenossen, sondern auch andere Vögel auf Gefahren aufmerksam macht. Anders diesen Herbst: Am Himmel konnten Heerscharen von Eichelhähern beobachtet werden, die paarweise oder in kleinen Trupps über das Land flogen.

Die Meldeplattform der Vogelwarte Sempach, mit mehr als 2000 freien Hobby-Ornithologen, spricht gar von einer Invasion. Wobei der Eichelhäher eigentlich kein klassischer Zugvogel ist. Die Herkunft der ziehenden Vögel ist denn auch nicht restlos geklärt, da sich diese nur durch den Fund beringter Vögel zweifelsfrei feststellen lässt.

Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach erklärt, dass der Vogelzug seit Mitte September ganz Mitteleuropa umfasse. «Solche klein- und grossräumige Invasionen scheinen eng mit Fehlmasten bei der Stiel- und Traubeneiche sowie in zweiter Linie bei der Buche zu korrelieren.» Im Herbst sammeln die Eichelhäher Eicheln und Nüsse und verstecken sie sorgfältig als Vorrat für den Winter. «Wohl durch das Fehlen dieses Sammelgutes wird in Invasionsjahren die latente Zugdisposition aktiviert, die auch Nichtzieher in sich tragen.»

Dass das Nahrungsangebot in den hiesigen Wäldern derzeit tatsächlich mager ausfällt, bestätigt auch Gabor Reiss von der WSL: «Auf der Alpennordseite hat der Frost im Frühjahr die Eichenblüten zerstört, die meisten Bäume haben nur wenig oder gar keine Eicheln getragen.» Betroffen von dem Fehljahr im Fruchtansatz seien sowohl die Trauben- als auch die Stieleichen.

Als weiterer wesentlicher Auslöser habe auch der Populationsdruck zu gelten, meint Schaad weiter. «Ein Blick in die Literatur zeigt, dass Eichelhäher-Invasionen offenbar regelmässig überdurchschnittlich gute Brutjahre vorangehen – wie es mit dem Mastjahr 2018 gewesen sein dürfte.»

Wohin die Vögel ziehen ist ungewiss. Daten zum Zugverhalten zeigen, dass die Eichelhäher ihre Wanderung selbst dann fortsetzen, wenn sie in ein Gebiet gelangen, das ausreichend Nahrung bietet – bis der Drang zu ziehen irgendwann versiegt.

Quelle WALD UND HOLZ, Ausgabe 11/2019